1000LUX

Geschichten aus Luxemburg

Sinatra

Himmel, Kinder, was mach ich bloß.
Ich will ja überhaupt nicht meta werden. Also gleich dem Philosophen nicht über das Leben, sondern eigentlich lieber über das, was das Leben ausmacht reden. Also das will ich gerade nicht – Meta. Aber nun, das passt so wie die Faust aufs Auge, quasi oder wie die Küche um die Hüfte.

Also Kinder, ich war wieder in einer Lesebühne – meiner Ersten außerhalb der Hauptstadt und es war mir wieder ein Vergnügen, nicht selber die Augen über die Buchstaben schubsen zu müssen. Etwas vorzulesen zu bekommen hat ja doch sowas total entspanntes. Man hat plötzlich die mentalen Kapazitäten viel bildlicher das Geschriebene zu konsumieren und so in sich drin aufblühen zu lassen. Und das auch noch in so einer kulturell-intimen Massenveranstaltung. Quasi Public-viewing mit Büchern. Auch so ein Wort, public-viewing. Hat irgendjemand seit 2006 nochmal gepublic-viewt? Oder ist das schon wieder von jestern, also out of date?

Ich war also bei den Kanapee Poeten und zwar mit einem großen Handicap. Es stand schon im vornherin fest, um 21:45 würde ich das Etablissement verlassen haben, weil um Punkt 21:52 mein Zug fährt. Um 21 Uhr geht’s los, verdammt denk ich mir. Und 50 Minuten später würde ich mir alt vorkommen.

21:25, ich denk mir ‘ein Text noch’.
Thorsten Steeter liest, nicht persönlich, aber in Vertretung wie er sich 8 Monate auf ein Konzert von Frank Sinatra gefreut hat. So wenigen, wie fehlgeleitete 16 jährige heute, konnte schon Anfang der Neunziger niemand seine Leidenschaft nachvollziehen und es wurde allgemein nahe gelegt, dass er alt werden würde. So schrieb er fasst auf einer Meta-Ebene, von meiner gerade bevorstehenden Schande des vorzeigen Abtretens, Leider kann ich vom Ende der Geschichte nicht berichten, da ich schamgebeugten Hauptes noch während des bereits in Minute 12 laufenden Textes meinen Platz in der ersten Reihen aufgeben musste. Um 21:47 verlasse ich das Lokal und meine Jugend meinen Körper. Kinder, ich bin gealtert. Von dem dynamischen Jüngling, der bei Kollegen per Anhalter nach Trier gefahren ist, für seine Ideale und seine kulturelle Selbsterfahrung gekämpft hat, bin ich in wenigen Stunden zu einem alten Mann verkommen.

Ja verdammt, ich wurde das, was ich nie sein wollte. Ich rege mich auf, das Veranstaltungen erst um 21 Uhr beginnen. Ich gucke ständig auf die Uhr, weil ich ja wieder so früh nach Hause muss. Ich denke an morgen und dass es mit 7 Stunden Nachtruhe morgen kein Spass sein wird mich zu kennen. Ich wurde dekadent. Ich will Texte wieder auf der eigenen Couch vorgelesen bekommen. Ich wurde spießig, mehr noch als ich je jewesen bin. Ich wurde ein Partyplatzer.

Mensch, Mensch, Mensch, Kinder! Dachte ich noch vor 5 Wochen der neue jugendliche Elan hätte mich endlich erreicht, so stelle ich fest, wie man ihn wieder beseitigt. Eine Bahnlinie um 22 Uhr und ein ticken Vernunft reichen.

Und was lernt ich jetzt aus dem Text? Ohne Pointe und ohne Auflösung? Ich sollte lieber meine Nierendecke und den Blasentee heiß machen.

13. Juni 2009