1000LUX

Geschichten aus Luxemburg

Papierinvasion

Gestern waren wir nicht auf der Arbeit. Wir hatten eine Exkursion, quasi Wandertag. Für uns war das ganz schön mal nicht vor dem Computer zu sitzen. Wir dachten uns allerdings für Nico würde das sicher kein schöner Tag. Er müsste nun alleine im Büro sitzen. Der Junge weiß doch nichts mit sich anzufangen. Er brütet den ganzen Tag über seinem Notizblock mit krude gezeichneten ERM-Diagrammen. Vor sich ein Macbook mit Projektspezifikationen und neben sich ein zweites Notebook, wo irgendein Film läuft. Einmal am Tag kommt Audwin und überprüft seine Arbeitsfortschritte. Meist kommt er wenn Nico irgendetwas auf Youtube anmacht, was er von uns in einem vermeindlichen Lachanfall bekommen hat. Damit Nico also nicht vor Einsamkeit eingeht haben wir einen Plan entwickelt.

Da wir nun gestern fehlten überlegten wir uns, Nico nicht allein im Büro zu lassen. Zu dem Zweck Photoklonten wir uns auf Papier und stellten unsere Pappdoppelgänger an unsere respektiven Plätze. Es sah aus wie echt, nur in schwarz-weiß. Papp-Ich hämmerte in meine Tastatur und Papp-Frido schubste seine Maus durch die Gegend. Nico würde nicht merken, das wir fehlen.

Heute kamen wir wieder ins Büro. Nico saß wie immer schon da und begann zu feiern als wir den Raum betraten. Wir vernahmen den gewünschten Erfolg unserer Aktion. Er erzählte, wie er gar nicht bemerkte, das wir weg gewesen seien. Es soll stiller gewesen sein als sonst, aber alle Kollegen, die in den Raum kamen hätten sich über unsere Arbeitsamkeit gefreut und uns als super Praktikanten gelobt.

Wir feierten gar nicht.
Uns war klar was begonnen hatte. Die Pappaufsteller haben uns ersetzt.

Sie sind kompakter, leichter in der Herstellung und günstiger im Unterhalt. Sie haben fast nur Vorteile. Sie stellen keine dummen Fragen, sie brauchen keine Pausen und verschwenden keine Zeit mit Youtube oder Smalltalk. Ja, ok, sie sind nicht wasserfest, aber das ist auch ihre einzige Schwäche. Unsere Pappaufsteller haben uns nutzlos gemacht. Wir können einpacken. Das ist jetzt mittelmäßig tragisch, erst die weiteren Konsequenzen machen das Ausmaß der Katastrophe deutlich. Heute wurden erfolgreich die Informatikpraktikanten ersetzt, morgen sind es die Biotechstudenten, übermorgen alle Werktätigen und Ende der Woche die Welt. Der sofortige wirtschaftliche Kollaps steht bevor. Nach 60 Jahren Wirtschaftswachstum und der ewigen Gier nach mehr wird die Menschheit von genügigen Papierzetteln mit Gesicht ersetzt. Die gesamte Nachfrage wird einbrechen, alle Menschen werden arbeitslos sein und die Pappenheimer werden sich nen Scheiß um die Versorgung kümmern. Die Wählen gleich lieber CDU und besiegeln das Ende der Menschheit.

Das haben wir also davon, dass wir einen Kollgen nicht alleine Sitzen lassen wollten. Beziehungsweise so wäre es gekommen, hätten wir nicht schnell reagiert und unsere Papierklone vernichtet. Nun sitzen wir wieder selbst an unseren Plätzen und starren platt die Wand an.

19. Juli 2009