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Geschichten aus Luxemburg

Olympiade der Alten und Gebrechlichen

Ihr Kommentator ist wieder Murray Walker. Willkommen bei der Olympiade der Alten und Gebrechlichen. Auch dieses Jahr wieder mit neuen Disziplinen, alten Favoriten, wiederholte Comebacks vom Comeback und den aufgeputschtesten Leistungen 80 Jahre alter Sportgiganten. Natürlich, wie all die Jahre zuvor hat dies überhaupt gar nichts mit Sport zu tun, sondern nur ihrer Unterhaltung und unsere Gewinnmaximierung. Stolz präsentiert von SPAM.

Die heutige Disziplin ist der Rollstuhlabfahrtslauf der Männer. Dieses traditionsreiche Rennen wird ausgetragen an der Rue De Neudorf in Luxemburg Stadt. Die Strecke ist nagelneu und hat in diesem Jahr seine ersten Veranstaltungen. Es handelt sich um eine sehr verwinkelte, aber schnelle Abfahrt. Zu überwinden ist ein Höhenunterschied von knapp 2 Metern. Damit ist die Strecke eine nicht zu unterschätzende Herausforderung und auch Veteranen des Sports wie Albert Nagelfuss sagen die Strecke sei nicht zu unterschätzen. Die Steigung und verschiedene Richtungswechsel könnten gerade Neueinsteigern zu Verhängnis werden.

Die Favoriten für das Rennen sind der bereits erwähnte Albert Nagelfuss und der Newcomer Patrick Lindelof. Nagelfuss ist 82 Jahre alt und seit 50 Jahren im Rollstuhl und bestreitet sein 75. Rennen. Trotz seiner nicht zu unterschätzenden Körpermasse ist er Meister seines Gefährt. Er hat wie kein anderer die Fähigkeit sein Gewicht perfekt über den Stuhl auszubalancieren. Die Gerüchte versiegen nicht, dass er den Sport verlassen wird. Sie besagen er sei am Ende seiner professionellen Karriere ist und würde solche Abfahrtsläufe nur noch beim heimischen Weg zum Supermarkt mitmachen. Er hätte sich einen letzten Höhepunkt in seiner langen Karriere verdient. Er ist der alte Hase des Sports, sein ärgster Widersacher dagegen ist erst seit wenigen Monaten im Rollstuhl und hat erst wenige offizielle Abfahrtsläufe bestritten. Er ist 24 und für Jugendliche in seinem Alter üblich hat er seine sportliche Karriere fünf Bier und einem Baum zu verdanken. Er ist stark in den Wettkampf gestartet und auch wenn er noch Erfahrungen mit dem Gefährt sammeln muss, so hat er doch bereits gehöriges Können im Umgang mit dem Rollstuhl bewiesen. Früher soll er über die Patientenschubkarren gelacht haben, mit welcher Ironie fährt er heute um den Olympiatitel mit.

Der Wettkampf beginnt gleich. Die Sportkommissare gehen nochmal die 5m lange Strecke ab um sicherzustellen, dass keine Unregelmäßigkeiten den Wettkampf stören. Steine, Blätter und Zeitungen werden weggeschafft und einwandfreie Startbedingungen zu bieten. Am Ende der Bahn steht medizinisches Personal bereit um im Ernstfall erste Hilfe leisten zu können. Immerhin, es soll ja niemand mit gebrochenem Hals aus dem Wettkampf gehen. Die Teilnehmer werden von ihren Zivies in Position geschoben, damit es gleich geordnet losgehen kann. Die Vorbereitungen sind immens. Es wird auf alles geachtet, die Achsen sind geölt, Reifendruck, Windgeschwindigkeit, Telemetrie und Sprechfunk. Der Meister muss alles beherrschen um bei dieser Disziplin Erfolg zu haben.

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Mit beiden Armen werden sich die Teilnehmer vom Start abstoßen um dann auf dem Parcours ihr Können mit dem Rolli unter Beweis stellen. In die Bewertung werden nicht nur die Endzeit, sondern auch Stilnoten wie Eleganz, Körperhaltung, Reaktionsfähigkeit und Gesichtsausdruck herangezogen. Der Wettkampf geht über 3 Abfahrten, was das wiederholte vergessen von Schlüssel und Portmonee vor der Wohnungstür des Delequenten simulieren soll. Der Zustand der Strecke mit fortlaufender Zeit sichtbar schlechter wird. Und wie bei jeder interessanten Sportart gehört auch eine gehörige Portion Glück dazu diese Abfahrt gut zu bestehen. Dieser Sport trennt die Spreu vom Weizen, aber das ist auch seine Faszination. Ich habe in meiner langen Geschichte als Sportmoderator noch niemanden gesehen, der das Handtuch geworfen hat und gegangen ist. Wenn du einmal drin bist, dann bist du für immer ein Teil davon.

Dieser Sport ist nichts für schwache Nerven, doch fur unsere Sportler ist es Alltag. Der erste Teilnehmer ist in Position und wir warten auf seine Freigabe. Er ist in voller Konzentration. Zurecht, denn diese Strecke hat noch niemand gemeistert ohne hinterher im Rollstuhl zu sitzen.

25. Mai 2009