1000LUX

Geschichten aus Luxemburg

Marrakech

Ich kann kein Französisch! Diese Erkenntnis hatte ich in der 9. Klasse als meine Note began sich von der 3 nach oben zu bewegen. Leider heißt nach oben nicht besser zu werden, sondern das Gegenteil. Die Erkenntnis blieb bis ich irgendwann die Sprache abwählen und aus meinem Alltag verbannen konnte. Die gleiche Erkenntnis holte mich Jahre später in Luxemburg wieder ein.

Ich kann es lesen, na immerhin. Von hören, schreiben oder gar sprechen bin ich weit entfernt. In der Mittagspause sitze ich neben Gesprächen meiner französischen Kollegen und versuche etwas mit zu bekommen. Dabei lausche ich aufmerksam nach Worten. Im Kopf kommt dann etwas Verstümmeltes an, was sich anhört wie ein Dialog, den ich irgendwo mal gehört habe. Eingestreut in die Blas zweier Personen waren Politikernamen – der Aufmerksamkeit halben. Das klang dann so:

Der Erste: “Blabla blabla bla der Frankensteinmeier.”
Die Zweite: “Bla bla Hans Köhler bla blabla.”
Das Dritte: “Aber du kannst doch nicht bla bla blabla das Angelika Merkel!”

Es mag schön klingen und man horcht auf, aber es ergibt überhaupt keinen Sinn. An dieser Stelle kommt das Hirn zu tragen. Mit seiner einmaligen Fähigkeit Brücken zu schlagen vervollständigt es alle fehlenden Gesprächsfetzen und versucht ein konsistentes Gespräch wieder zu rekonstruieren. Diese Leistung der Rekombination ist umso beachtlicher, umso weniger Worte man beim Hören überhaupt erhaschen kann. Ab einem bestimmten Punkt kann man buchstäblich hören was man will. Der Fachausdruck dafür ist Pareidolie und sorgt auch dafür Stimmen zu hören, wenn man Musik rückwärts abspielt.

Da fällt der Name Marrakech und das Verb ‘voyager’, also Reisen und schon sind alle Gedanken in Nordafrika, bei der nagenden Frage, was “Fernweh” wohl in den anderen Sprachen der Welt heißt und ob Fernweh, wenn man bereits weg ist eigentlich Fernerweh heißen müsste. So leicht kann etwas angestochen werden. In der Nachbehandlung hab ich dann gelernt, dass das Englische einmal “fernweh” als “itchy feet” (juckende Füße) oder als den Germanismus “Wanderlust” kennt. Am Ende also doch noch was gelernt.

3. August 2009