1000LUX

Geschichten aus Luxemburg

Untertage

Ich habe so ein Glück. Ich habe frei. Das Glück ist dadurch geschmälert, dass ich nicht nur gerne frei, sondern auch vier Wände und halbwegs regelmäßiges Essen gern habe. Ich habe schon oft versucht mich dieser Sucht zu entziehen, aber bisher fehlte mir immer die Disziplin. Wenn ich mal kinder habe werde ich dafür sorge tragen, dass die nicht so weich und willensschwach durch die Welt gehen. Frei gibt’s da nicht, damit die einen freien Tag auch zu schätzen wissen.

Warum hab ich eigentlich frei? Mein Picke hat sich blöde verhakt. Beim Rausziehen ist sie abgebrochen, ein Stein löste sich und fiel mir auf den Fuss. Halb erschlagen lag ich so in Sektor 7G meines Bergwerks, noch leicht im Schock meiner plötzlich aufkeimenden Freizeit. Ich nahm mir eine vollends erschlagene Ratte als Kopfkissen und wartete auf meine Kumpel mich hier rauszuschaffen. Meine Kerze geht aus.

Ich fand Hacko, besser gesagt er mich. Zerrte mich aus dem Weg damit seine Hunt vorbeikam, aber er ist kein Unmensch. Mein Unfall wurde dem Grubenleiter gemeldet. Ich durfte mich eine halbe Stunde auf der Barre ausruhen. Bei der Wahl zwischen Lazarettwagen, Leinenbarre und Totenbarre immerhin die zweitbeste Wahl. Im Hauptgang war wie immer reges Treiben. Meine Kollegen ließen sich nicht stören. Es galt Hunt für Hunt zu füllen, nach vorne zu schaffen und zu wiegen. Das ist die Kohle, äh das Geld. Das ist das Leben. 2-3 Franken das Kilogramm. Es reicht gerade so für den Unterhalt, bei Sergio nicht einmal dafür. Da helfen wir aus. Hier unten ist man nicht allein, da hält man zusammen. Und auch ich war nicht vergessen. Mein Bein hatte ordentlich was abgekriegt und meine linke Körperseite tat mir weh. Es war gerade so auszuhalten, aber belasten konnte ich es nicht. Damit würde ich mich nie für den Lazarettwagen qualifizieren. Ist auch nicht wünschenswert, die Strecke hätte geräumt werden müssen und der Tag wäre nicht nur für mich, sondern auch für meine Kollegen gelaufen. Die Konsequenz würden sie Ende der Woche auf der Gehaltsabrechnung sehen. Das Kilo zählt, nicht die Arbeitszeit, der Körpereinsatz, oder der Fortschritt in den Stein. Einem unter die Arme zu greifen geht noch, für die ganze Einheit ist es jedoch schwer möglich. So verharrte ich auf meiner Barre, der Grubenleiter kam kurz mich zu sehen. Ich hätte stärker widersprechen können, aber letztlich hatte es keinen Sinn. Mir wurde klar, das meine Arbeit für diese Woche gelaufen war, so sehr ich auch das Geld bräuchte. Die neuen Werkzeuge konnte ich zunächst vergessen.

Ans Huntenpferd gelehnt humpelte ich zum Ausgang der Grube, mehr als eine Viertel Meile. Das Licht stach in den Augen und die frische Luft war wie ein Becher Wasser nach 10 Meilen laufen. Es sollte noch ein ebenso lange weg in die Stadt zum Arzt sein. Ich wusste schon was er sagt. Morgen hab ich frei. Das Feierabendholz blieb auch in der Grube, na zuhause kann ich mir was anhören.

25. Juni 2009